Was ist echt, was falsch, was ein kostbares Original und was eine billige KI-Kopie? Dass sich die von Künstlicher Intelligenz geschürte Unsicherheit in solchen Fragen bestens bewirtschaften lässt, zeigte ein anonymer Künstler mit dem Nutzernamen SHL0MS gerade auf X.Er postete auf dem Kurznachrichtendienst ein Seerosen-Gemälde von Claude Monet und behauptete, er habe es soeben von einer KI generieren lassen. Seine Follower sollten beschreiben, in welchen Punkten die KI-Version einem echten Monet unterlegen sei. Es dauerte nicht lange, bis Tausende Einschätzungen die Kommentarspalte füllten: Die Darstellung der Lichtreflexe sei falsch, Monet hingegen habe gewusst, wie Licht sich im Wasser breche; die Farbwahl und Tiefenstruktur seien nicht stimmig; die Form der Seerosen verzerrt.SHL0MS ließ das Ganze eine Zeitlang laufen, dann enthüllte er, alle an der Nase herumgeführt zu haben. Das von ihm gepostete Bild ist tatsächlich ein Werk des französischen Impressionisten: „Seerosen (Nymphas)“ von 1918/1921, im Original zu sehen in der Neuen Pinakothek in München.Mechanismen der AufregungsökonomieHat SHL0MS eine Hysterie aufgedeckt? Der anonyme Medienkünstler gab in einem Interview vor, mit seinem Streich, den er als „virale Performance“ begreift, ein konzeptuelles Kunstwerk geschaffen zu haben. Die Dynamik der Desinformation in den sozialen Medien, die Art und Weise, wie Annahmen das ästhetische Urteil beeinflussten, und nicht zuletzt den aktuellen KI-Zeitgeist habe er aufgedeckt.Der Provokateur will den Anschein erwecken, er habe eine aufklärerische Absicht verfolgt. Doch wie groß ist der Erkenntniswert, wenn man die gängigsten Mechanismen der Aufregungsökonomie nutzt? Während SHL0MS sich als Medienkritiker inszeniert, verkauft er eine virtuelle Besitzurkunde seines X-Tweets und die dazugehörenden Kommentare für rund 40.000 Dollar in der Blockchain als NFT.
First seen: 2026-05-27 12:51
Last seen: 2026-05-28 12:10