Eigentlich ist es ja einfach. Wenn ein Musiker mit dem, was er komponiert, sehr viele Menschen – auch mich – aus ihrer inneren Enge zu holen vermag, er in verschiedenen Texten aber die »Verjüdung der modernen Kunst« beklagt und überlegt, wie eine »gewaltsame Auswerfung des zersetzenden fremden Elements« zu schaffen sei, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten: Ich kann mir etwas anderes suchen, was mich aus meiner inneren Enge befreit.Ich kann zu argumentieren versuchen, was die klingenden Werke von den geschriebenen unterscheidet, obwohl sie beide aus demselben Kopf kommen, und ich kann darauf vertrauen, dass wenigstens der klingende Teil klüger ist als ihr Verfasser.Ich könnte, theoretisch, das ganze Problem leugnen und die Texte halb so schlimm finden; dann allerdings müsste ich mich dem Vorwurf stellen, selbst ein antisemitisches Schwein zu sein.Oder ich ziehe den Kopf ein, tue so, als wären die Texte gar nicht da oder jedenfalls nicht so gemeint gewesen, und hoffe still, dass niemand meine Doppelmoral bemerkt. Wirklich keine schwere Entscheidung. Aber dann sitze ich wieder in Reihe 11 oder 16 oder 27, und wenn bei Wotans Abschied in der Walküre die Celli einsetzen oder das hohe Blech das Walhall-Motiv spielt, erwischt mich das, was ich da höre, ganz und gar wehrlos. Darf man diese Musik schön finden, kann man sie überhaupt guten Gewissens konsumieren, bei allem, was man über sie und ihren Komponisten Richard Wagner weiß? Für mich kommt diese Frage ein bisschen spät; selbst wenn ich komplett aufhören würde, Wagner zu hören, kriege ich ihn wohl nicht mehr aus meinem System. Denn ich bin wie ein krummer Baum um seine Musik herumgewachsen.
First seen: 2026-07-25 09:39
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