In breiten Kreisen gilt es heute als schick, Europa verächtlich zu machen und fremde Kulturen – besonders die Länder des globalen Südens – hoch-, wenn nicht höher als die eigene zu schätzen. Sonderbar ist: Dort, wo die Rechte von Minderheiten und Frauen am besten geschützt werden, wird am heftigsten gegen die Verletzung der Grundrechte polemisiert. Wehe, einer macht sich gar des Eurozentrismus schuldig. Er oder sie wird als rechter weißer Mann und als rechte weiße Frau beschimpft.Wäre es im Gegenteil nicht Zeit für einen neuen Eurozentrismus, bewusst und stolz vor sich hergetragen? Das gedankliche Rüstzeug dafür könnte ein längst vergriffener Essayband des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski mit dem Titel „Die Moderne auf der Anklagebank“ liefern.Kolakowski, der in Oxford lehrte und 2009 starb, hält den kulturellen Universalismus für eine Illusion. Er fragt: „In welchem Maße ist Achtung vor anderen Kulturen empfehlenswert, und warum schlägt das löbliche Begehren, sich nicht als Barbar zu erweisen, in Gleichgültigkeit oder gar in Billigung der Barbarei um?“ Kolakowski plädiert für einen rigorosen Eurozentrismus, den er allerdings nicht ethnisch begreift. Europa sei die Fähigkeit, sich selbst infrage zu stellen. Diese Gabe sei die geistige Kraft gegen alle totalitären Ideen.Wer immer in Europa sage, sämtliche Kulturen seien der europäischen ebenbürtig, würde es dennoch nicht schätzen, so der Philosoph, „dass man ihm für einen Steuerbetrug die Hand abhackt oder ihn der öffentlichen Auspeitschung unterwürfe, falls er mit einer anderen Person als der rechtmäßigen Gattin schliefe“. Recht hat er. Seien wir endlich wieder bekennende Eurozentristen!
First seen: 2026-07-26 05:52
Last seen: 2026-07-26 08:55