Mo Yan wird siebzig: Was die Speichellecker nicht verstehen werden

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So ändern sich die Zeiten: Als Mo Yan 2012 den Literaturnobelpreis erhielt, jubelte die Partei, während eine Reihe chinesischer Intellektueller ihn als Staatsschriftsteller attackierten. 2024 nun wurde er von einem nationalistischen Blogger wegen Beleidigung Maos und des chinesischen Volks verklagt – er habe die Soldaten der Volksbefreiungsarmee in seinen Romanen als sexbesessen dargestellt. Die Anklage wurde von der Pekinger Staatsanwaltschaft aus formalen Gründen nicht angenommen, doch harmlos war der Vorgang nicht. Seit 2018 gibt es im Reich Xi Jinpings ein mittlerweile auch strafrechtlich bewehrtes Gesetz, dem zufolge jeder, der die „Helden und Märtyrer“ der chinesischen Revolution in Misskredit bringt, mit Haft bis zu drei Jahren bestraft werden kann. Die Kritik von 2012, der sich große Teile des westlichen Literaturbetriebs angeschlossen hatten, hat Mo Yan verbittert – das konnte man sogar seiner biographischen Selbstauskunft auf der Seite des Nobelkomitees anmerken: „Der Mut, den ich beim Angriff auf die orthodoxe revolutionäre Literatur gezeigt habe, ist etwas, das die Speichellecker von heute wahrscheinlich nicht verstehen können.“ Tatsächlich markierten die Romane, die er seit 1986, als „Das rote Kornfeld“ erschien, in rascher Folge veröffentlicht hat, einen deutlichen ästhetischen wie inhaltlichen Bruch mit dem sozialistischen Realismus, der bis dahin sogar für die kritische „Wundenliteratur“ maßgeblich war. Vorbilder wie William Faulkner und Gabriel García Márquez entfesselten bei Mo Yan jenen von Sex- und Gewaltphantasien durchsetzten „halluzinatorischen Realismus“, mit dem er sich von der amtlich eingeforderten Erzählweise abstieß und mit dem das Nobelkomitee dann später seine Wahl begründete.Der derbe ländliche Humor seiner Bücher konterkariert das öffentliche PathosZugleich ist Mo Yan alles andere als ein unabhängiger „public intellectual“; er steht nicht außerhalb der Welt, von der er erzählt, sondern ausdrücklich innerhalb. Seine Schriftstellerkarr...

First seen: 2026-03-25 06:42

Last seen: 2026-03-25 13:48