E.M. Forster: Wenn jede Lebensstation die schlimmste Wendung nimmt

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Summary

Als Erstes sei von E.M. Forsters Homosexualität zu reden. Das befand Christopher Isherwood, als er nach Forsters Tod 1970 zu seinem literarischen Nachlassverwalter wurde. Isherwood war zweieinhalb Jahrzehnte jünger, hatte seit den eigenen literarischen Anfängen zu diesem Meister des Erzählens aufgeschaut, dessen strikte Weigerung jedoch, sich zur Männerliebe zu bekennen, stets bedauert und missbilligt. Die jüngere Generation fand Länder und Gelegenheiten, ihre Liebe auszuleben, Isherwood zunächst in Berlin, wovon er in seinem Welterfolg „Goodbye to Berlin“ (1939) erzählt, anschließend in Kalifornien. Forster aber, Jahrgang 1879, entstammte dem viktorianischen England und muss seine Sexualität genau zu jener Zeit entdeckt haben, als Oscar Wilde in einem Schauprozess wegen „grober Unzucht“ hart verurteilt wurde. Das mag ein Grund sein, warum Forster jegliche Intimität ein Leben lang beschwieg.Auch in „Die längste Reise“, seinem zweiten Roman, ist von Homosexualität selbstverständlich keine Rede. Und doch finden sich darin, wie der Übersetzer und verdienstvolle Herausgeber Niklas Fischer anmerkt, bereits jene scheinbar beiläufigen Hinweise auf tiefere Sehnsüchte und stille Handlungen, die einen Code des Unsagbaren bilden, den der Autor dann in seinen weiteren, ungleich berühmteren Romanen wie „Zimmer mit Aussicht“ oder „Auf der Suche nach Indien“ zum Einsatz bringt. Jeder Regenschirm und jedes Knopfloch gewinnt dabei an Bedeutung. Und eine lakonische Widmung wie „Fratribus“ in diesem Buch sagt den angesprochenen „Brüdern“ mehr als sämtlichen Uneingeweihten. „The Longest Journey“ erschien 1907, da war der Autor Ende zwanzig. Jetzt lässt sich diese Reise mit fast hundertzwanzigjähriger Verspätung erstmals auf Deutsch nachvollziehen.Das soll meine Mutter sein?Dass bei einem Autor von Weltrang nach so langer Zeit noch eine Erstübersetzung ansteht, mag verwundern, hat aber einen guten Grund. Selbst Fischer erklärt freimütig im Nachwort, dass hier kein Meisterwerk übersehen ...

First seen: 2026-03-26 17:13

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