Glosse: Das Streiflicht

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Summary

(SZ) Der extremdeutsche Philosoph Martin Heidegger, der prinzipiell in leichter Sprache schrieb, hat einmal notiert: „Was uns natürlich vorkommt, ist vermutlich das Gewöhnliche einer langen Gewohnheit, die das Ungewohnte, dem sie entsprungen, vergessen hat.“ Nun gut, dieser Satz ist zufällig ein wenig schwarzwalddunkel, auf Talkshow-Niveau heruntergedimmt besagt er, dass das Gewohnte ursprünglich mal befremdend neuartig war. So ist zum Beispiel der erste Kuss, sofern er vorschriftsgemäß erfolgt, verteufelt aufregend, wohingegen dem zehntausendsten nicht mehr ganz so viel Zauber innewohnt. Das soll jetzt aber kein Argument gegen die Gewohnheit sein, im Gegenteil: Wer permanent Abenteuer im Ungewohnten sucht, muss mit Bluthochdruck und der Teilnahme an einem Yogakurs rechnen. Glückseligkeit, also Eudaimonia, wie man im Schwarzwald sagt, findet der Mensch allein auf dem Plüschsessel der Gewohnheit. Jeden Morgen ein Ei und Trump in der Zeitung, dann der Stau auf der Fahrt ins Büro und Trump im Radio, mittags der obligatorische Soßenfleck auf dem Hemd und die Gespräche über Trump, am Abend die „Tagesschau“ mit Trump als Aufmacher – so sieht ein erfülltes Leben aus. Dementsprechend ließ der in Lebensdingen gewöhnlich gut unterrichtete Goethe in seinem Wilhelm-Meister-Roman verkünden: „In der Gewohnheit ruht das einzige Behagen des Menschen.“

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