Fotorealismus in Baden-Baden: Die Illusion ist kälter als der Alltag

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Er heißt Phil und starrt gleich am Eingang mit großen Augen die Betrachter an. Das schwarz-weiße Monumentalporträt ist nicht gerade vorteilhaft ausgefallen, und dennoch hatte sich der Komponist Philip Glass der erbarmungslos mikroskopischen Inspektion durch seinen Freund Chuck Close ausgeliefert – vielleicht, weil er zwischen 1968 und 1970 nur eines von vielen Studienobjekten unter den „Heads“ war? Es gab noch weitere berühmte Dargestellte wie etwa den Bildhauer Richard Serra. Andere hießen John oder Georgia, waren Freunde, Schwiegereltern, Tochter, Frau. Close hat sie in seinem New Yorker Studio vor die Kamera gesetzt und frontal abgelichtet. Das passtaugliche Ergebnis, das für ihn die „Landkarte ihres Lebens“ darstellte, hat er anschließend über Monate hinweg mithilfe eines Rasters, Spritzpistole und Pinsel nachgemalt. Jedes der stechend wirklichkeitsgetreuen Gesichter enthüllte schutzlos alle Unebenheiten, mehr aber auch nicht. Die Psyche der Porträtierten interessierte Close nicht. Das Streben nach Perfektion stand im Zentrum, angepeitscht von dem monströsen Großformat, das verblüffen sollte und es in der Ausstellung „Wettstreit mit der Wirklichkeit“ im Museum Frieder Burda als Einstimmung auf einen Parcours aus magisch entrückten Oberflächenreizen und banalen Motiven weiterhin auch tut. Obsessive Detailtreue wie in der mittelalterlichen TafelmalereiClose zählt zu den bedeutendsten Fotorealisten der USA, jenen Virtuosen der ersten Generation, die das beinahe mechanische Übertragen fotografischer Vorlagen in die Malerei mit obsessiver Detailtreue und für jeden erkennbaren technischen Fertigkeiten betrieben haben, mit dem scheinbar unzeitgemäßen Ziel, zur Gegenständlichkeit und dem meisterlichen Können des Tafelbilds zurückzukehren. Vor der Blütezeit des Fotorealismus – auch Hyperrealismus genannt – scheuten Maler Fotos als Hilfsmittel, an vorderster Front die abstrakten Expressionisten, denen spontane Gesten und die Wirkmacht des Zufalls bekanntlich heilig waren....

First seen: 2026-03-28 10:38

Last seen: 2026-03-28 13:40