Der Rhein ist bei Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern ein gesundes Gewässer: gut belüftet, artenreich und mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Strömungsschichten. Wer als Hörer darin geübt ist, kann genau mitverfolgen, wie sich ab Takt 21 in Richard Wagners Vorspiel zum „Rheingold“ die acht Hörner sukzessive bis in die einzelnen Spieler in selbständige Stimmen aufteilen und phasenverschoben die gleiche Auf- und Abbewegung machen, einschließlich der Überhöhung durch Verdopplung der Notenwerte, wie ja Wagner hier überall das gleiche oder ähnliches Material – von punktierten Dreipfundnoten bis zu sprudelnden Sechzehntelsextolen – miteinander überlagert, auch in Gegenbewegung.Die Berliner Philharmoniker sind ein Orchester, bei dem man das, was man musikalisch beim Zusehen mit dem Auge fokussiert, auch tatsächlich hören kann. Hier, im Graben der Felsenreitschule in Salzburg, beweisen sie, dass diese Qualität kein Standortvorteil ihres exzellenten Saales in Berlin ist. Sie können es auch an anderem Ort.Musikalisch in einer lebendigen, spannungsreichen BalanceDie Kunst Kirill Petrenkos, die man kaum groß genug veranschlagen kann, besteht darin, sich im Widerstreit der unterschiedlichen musikalischen Parameter nicht einseitig für den einen und gegen den anderen zu entscheiden. Sobald nämlich die drei Rheintöchter mit ihrem Gesang einsetzen, halten auch punktierte Siciliano-Rhythmen Einzug in die Musik, zu Barkarolen beschleunigte Schaukelmuster des Wiegens, die Petrenko durch ein leichtes Stakkato auf der jeweils letzten Note der Dreiergruppen besonders plastisch macht. Aber das plastische Detail gewinnt keine Dominanz über das Panorama; der Fluss der Bewegung reißt nicht ab. Das unbewusste Handeln des vegetativen Nervensystems in der Musik und die an Sprache und Bewusstsein gekoppelten Schichten funktionieren gleichberechtigt. Nichts wird von Petrenko unterdrückt, aber alles in eine lebendige, spannungsreiche Balance gebracht.„Ruhig heitere Bewegung“ ha...
First seen: 2026-03-29 12:53
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