Neuübersetzung von "Lebwohl, mein Liebling": Mörder und Millionäre

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Summary

Alles, was ich von Literatur will, ist, dass Raymond Chandler eine dunkle Stadt beschreibt. Das geht so weit, dass ich seit zwei Dekaden eine Bluse in meinem Schrank aufbewahre, die aussieht wie die Straßen von Los Angeles bei Nacht, und meinen Sohn habe ich ganze zwei Wochen zu früh in die Welt gepresst, damit er am gleichen Tag Geburtstag hat wie der Meister des amerikanischen Noir. Chandler ist der Autor, den ich an einem einzigen Satz erkenne, zum Beispiel: "Die feuchte Luft war so kalt wie die Asche der Liebe." Wenn Wut in mir aufsteigt, weil irgendwelche Klugscheißer finden, dass Kriminalromane, jene leuchtenden, zeitgenössischen Gesellschaftspanoramen, auf gar keinen Fall ernst zu nehmende Literatur sein können, vielleicht einfach weil sie eine spannende Geschichte erzählen, die aber nur der Aufhänger ist für das große menschliche Thema "Wir müssen alle sterben", dann tröste ich mich damit, dass diese Geringschätzung sogar jemanden wie Chandler trifft. Obwohl sein Debüt The Big Sleep immer wieder unter den 100 besten Romanen des 20. Jahrhunderts landet. Stephen King hat es so ausgedrückt: "Seine Kollegen mögen Chandler zwar in die Gesellschaft der Großen aufnehmen, sie neigen aber dazu, ihn am Ende der Tafel zu platzieren."

First seen: 2026-03-29 16:55

Last seen: 2026-03-29 17:56