DIE ZEIT: Herr Sloterdijk, die Welt ist aus den Fugen: Putin überfällt die Ukraine, Trump bombardiert den Iran, die Demokratie zerbröselt, der Westen zerfällt. Und da lesen Sie einen 500 Jahre toten Klassiker, Niccolò Machiavelli. Warum? Peter Sloterdijk: Die Debatte um Machiavelli flammt immer dann auf, "wenn Cäsaren Europa in Krieg und Knechtschaft stürzen": So hat der französische Philosoph Raymond Aron 1945 bemerkt. Machiavelli ist heute die passende Lektüre, denn Italien war zu seiner Zeit das Laboratorium der Moderne. Er lieferte damals in der extrem aufgewühlten, von Kriegen zerrütteten, von Entdeckungen erschütterten Welt um 1500 mit seiner Hauptschrift Der Fürst einen scharfsinnigen Ernüchterungsschock. Mit Machiavelli sieht man auch die Welt von heute klarer. Momentan fehlt es ja schmerzlich an Draufsichten auf die Lage. Man spürt das Repetitive an den eigenen Meinungen, auch an den Meinungen der anderen. Und wenn Denken zudem in einer Grundstimmung von Hilflosigkeit stattfindet, dann ist man besonders niedergedrückt: Denn die zerstörerischen Energien liegen im Augenblick weit vorne, wir holen sie noch nicht ein.
First seen: 2026-03-29 16:55
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