Wo andere Barockmaler die Bühne füllten, räumte der Spanier Francisco de Zurbarán sie leer. Seine Gemälde zeigen, wie viel Dramatik in einem Bild stecken kann, das fast nichts bewegt.Junge Frau, sehr nobel, umweht von fülligen Stoffmassen. Wie versteckt in ihrem raschelnden Kleiderhaus. Scharlachrotes Tuch, dunkelsamtiger Rock. Haute Couture, frühes 17. Jahrhundert. Und dann blickt man der jungen Frau doch einmal ins bleiche Gesicht und sieht, wie sie auf den Zinnteller starrt, auf die beiden Augen dort, die sie präsentiert wie zwei dunkle Edelsteine. Alles erstirbt in diesem Augenblick. Die Heiterkeit, die Bewunderung für das festliche Outfit. Man bekommt die Augen nicht von den Augen los. Und entdeckt erst jetzt den Palmzweig, den alle Märtyrerinnen zur Klassifikation mit sich führen.Kann man ergebener von Folter und Martyrium erzählen? Wie ergeben in ihr Schicksal paradieren Francisco de Zurbaráns Figuren vor uns, die wir ihre Beherrschtheit kaum fassen können, diesen rätselhaften Triumph einer Malerei, die gänzlich ohne Impulsdurchbruch, ohne Seelenaufruhr, ohne überwältigende Gefühle auskommt. Die große Zurbarán-Ausstellung in Londons National Gallery ist wie der Eintritt ins Schweigekloster. Verhangen, wie hinter Geheimnissen versteckt, so verbinden sich Akkuratesse, Sauberkeit, Ordnung, Diskretion zu einer virtuosen Künstlichkeit, die auch etwas Erschreckendes hat. Wer bekennt, vor Zurbaráns Bildern den Atem anzuhalten, reagiert wohl ganz im Sinne des Malers.Es beginnt schon damit, dass Zurbaráns Personal fast zu hundert Prozent biblischer oder religionsgeschichtlicher Herkunft ist. Also fehlen die Weltbilder, die Alltagserzählung, die Landschaft, das Genre, die Glorie der spanischen Krone, die antike Reminiszenz, das Schäferidyll, der Schlachtenlärm, die Liebesszene. Auch an Nacktheit hat sich der passionierte Couturier erfolgreich vorbeigedrückt. Bei Christus am Kreuz ging es nicht anders. Oder bei Herakles im Kampf mit dem Löwen. Da empfahl sich schon zur ...
First seen: 2026-05-22 12:19
Last seen: 2026-05-22 13:19