Letztlich ist jeder Kopf ein Ei. Man muss nur abstrahieren können, dazu braucht es noch nicht einmal das Osterfest. Das Abstrahieren beherrschte der Bildhauer Constantin Brancusi so gut wie kaum ein anderer in der Frühgeschichte der modernen Kunst. In einer großen, elegant inszenierten Ausstellung zeigt die Neue Nationalgalerie in Berlin jetzt seine organisch geformten Skulpturen, darunter auch die wirklich schönsten Eierköpfe der Welt. Diese, wie Brancusi sie nannte, Schlafenden Musen schimmern goldig in der Haupthalle des Mies van der Rohe-Baus – die riesigen Glasfronten wurden für die Schätze mit Vorhängen abgedunkelt. Die Werkschau des 1876 in dem rumänischen Dorf Hobita geborenen, 1957 in Paris gestorbenen Brancusi ist auch eine Lehrausstellung, wie dieser Meister die Essenz der Dinge – und damit in gewisser Weise die Moderne – langsam aus Stein, Bronze, Gips und Holz herausformte und herausschälte. Manche seiner Skulpturen waren so abstrakt, dass der US-Zoll sie erst nach einem Gerichtsprozess als – zollfreie – Kunst anerkannte. Hauptwerk "Skulptur für Blinde" © Adam Rzepka/Centre Pompidou, mnam-CCI/Dist. Grand Palais Rmn/ Succession Brancusi - /VG Bild-Kunst, Bonn 2026 Es ist ein kleines Wunder, wie diese Ausstellung zustande gekommen ist, denn das Berliner Museum hat selbst nur eine einzige Skulptur im Depot. Der Direktor der Neuen Nationalgalerie Klaus Biesenbach und seine Co-Kuratorin Maike Steinkamp durften sich in der Sammlung des Centre Pompidou bedienen – das Pariser Museum ist wegen Renovierung für mehrere Jahre geschlossen; dazu kamen weitere Leihgaben etwa aus dem Museum of Modern Art. Sogar die Werkstatt Brancusis wurde in der Berliner Ausstellung wieder aufgebaut. Und so darf man jetzt hier in Berlin tief in das Werk dieses Pioniers der modernen Skulptur einsteigen. Einen Eierkopf hat Brancusi 1925 aus einem Onyx-Stein so schön glatt gehauen, dass dessen Oberfläche durchsichtig scheint, er nannte sie eine Skulptur für Blinde. Man würde sie zu ...
First seen: 2026-03-27 14:27
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