Auch Friedhöfe sterben. So hat es der jugoslawische Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić einmal geschrieben, in seinem 1954 erschienenen Essay „Auf dem jüdischen Friedhof von Sarajevo“. Von den einst 12.000 Juden der bosnischen Hauptstadt lebten da nur noch wenige. Die meisten hatten die Besatzung durch deutsche Truppen und ihre kroatischen Juniorpartner zwischen 1941 und 1945 nicht überlebt, waren in Auschwitz, Bergen-Belsen oder dem von Kroaten betriebenen Konzentrationslager Jasenovac getötet worden.Andrić hatte jüdische Freunde gehabt, er kannte die Geschichte des bosnischen Judentums: „Als Ende des 15. Jahrhunderts die Juden aus Spanien vertrieben wurden, suchten sie Zuflucht in verschiedenen Ländern, wo es keine systematische Judenverfolgung gab und wo sie zumindest toleriert wurden. Eines dieser Länder war die damalige Türkei. Im 16. Jahrhundert tauchten die verbannten spanischen, sephardischen Juden auch in den wichtigsten Handelszentren des Balkans auf, also auch in Sarajevo.“Einschusslöcher erinnern auf dem Jüdischen Friedhof in Sarajevo an den Bosnienkrieg.Michael MartensIn Bosnien, „umzingelt von Vorurteilen und dem Aberglauben ihrer Mitbürger der anderen Konfessionen“, sprachen sie zu Hause untereinander weiterhin das Spanisch, das sie aus ihrer Heimat mitgebracht hatten und aus dem sich später Ladino oder „Judenspanisch“ entwickelte. „Es war eine kleine, durch die Macht der Verhältnisse und Gewohnheiten hermetisch abgeschlossene Gemeinschaft, in der es schwer erworbenen, qualvoll gehüteten und immer gefährdeten Reichtum und noch viel mehr krasse Armut gab“, schreibt Andrić, der als 1892 geborenes Kind einer alleinerziehenden Mutter in Sarajevo selbst harte Not kennengelernt hatte.Doch erst der Zweite Weltkrieg vernichtete die jüdische Gemeinschaft der Stadt, löschte ganze Familien aus oder dezimierte sie so stark, dass ihre vielhundertjährige Präsenz fortan auf dem jüdischen Friedhof greifbarer war als unter den Lebenden. „Eine Welt, die es nicht mehr ...
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