Eigentlich standen die Zeichen zwischen dem jungen Karl Simrock und den „hochverehrten Herren“ Grimm nicht auf Freundschaft. Das wusste auch der knapp achtundzwanzigjährige Jurist, der am 19. Juli 1830 ein Werk zu den Brüdern Grimm nach Göttingen schickte, bei dem er nicht auf überschwängliches Lob der beiden Gelehrten rechnete. Diese hatten bereits 1815 eine Ausgabe des „Armen Heinrich“ vorgelegt, der mittelhochdeutschen Versdichtung von Hartmann von Aue, begleitet von einer knappen Nacherzählung des Inhalts. Nun schickte ihnen Simrock seine Übersetzung des Werks und spricht zugleich von Ahnung, dass den Brüdern seine Arbeit kaum gefallen könne: „Den aufrichtigen Wunsch habe ich aber, es Ihnen recht zu machen, und wenn nicht Alles was ich will und kann Ihren bessern Ansichten zuwider ist, so würden kurze Andeutungen, worin ich es noch versehe, bei mir auf keinen unfruchtbaren Boden fallen.“Simrock, der drei Jahre zuvor eine Übersetzung des Nibelungenlieds vorgelegt hat, also ebenfalls eines mittelhochdeutschen Werks, das im Zentrum der Aufmerksamkeit der Brüder Grimm steht, weiß genau, wie heikel es ist, was er unternimmt. Jacob Grimm hat schon bei anderer Gelegenheit verkündet, Übersetzungen aus dem Mittelhochdeutschen seien eigentlich Unsinn, da doch jeder, der Neuhochdeutsch spreche, mit etwas Übung auch die ältere Sprachstufe mühelos verstehen könne und eine Übersetzung uns immer von dem Original entferne.Eine Ausstellung aus studentischer HandSein Bruder Wilhelm ist es gewohnt, anders über die Bedürfnisse von Lesern zu denken. Er antwortet Simrock zwar, dass er – bei aller Anerkennung für dessen Übersetzung – dem Werk keine weite Verbreitung zutraut, weil er kein Publikumsinteresse dafür sehe, denn die Experten greifen zum Original und die Laien zur Nacherzählung, meint Grimm. Trotzdem ist sein Interesse an Simrock und dessen Arbeiten deutlich. Und es entwickelt sich langsam ein Briefkontakt, bei dem germanistische Schriften hin und her gehen, aus dem schließl...
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